...außer guter Musik
Die Vermutung, dass Gott nicht wirklich im Himmel zu suchen sei, sondern vielmehr in den Wäldern des Siegerlands ist durchaus diskussionswürdig. So trifft man in der unwirtlichen Gegend kaum Menschen, ohne nach einer halben Stunde zu einem Bibelkreis oder einem Spätgottesdienst eingeladen zu werden. Wenn man Glück hat. Hat man keins, landet man auf einem christlichen Konzert.
Christliche Rockkonzerte hat man sich in der Regel exakt wie weltliche vorzustellen. Die Musik ist objektiv gesehen nicht schlecht, im Bier ist manchmal sogar Alkohol und zugewachsene Typen gibt es auch. Eigentlich alles wie immer, bloß ohne Schlägerei am Ende. Trotzdem kriecht einem nach einer Weile ein Schauer den Rücken hinauf, gegen den die ungeheizten Kirchenbänke Sonntags morgens wie Omis Chaise Longue (für unsere kurpfälzer Freunde: Schäslong) vorkommen. Irgend etwas fehlt.
Um die fehlende Ingredienz sozusagen herauszudestillieren, begab ich mich vor ein paar Jahren an einen Ort, wo sich die Freunde echter Rockmusik die Klinke in die Hand geben. An die Ausläufer des Odenwaldes (von Odin, dem heidnisch-germanischen Gott), den Knotenpunkt kurpfälzischer Reiselust, wo die Subkulturen sich guten Tag und manchmal auch gute Nacht sagen (vor allem wenn beide Seiten getrunken haben) – kurz: an den Schriesheimer OEG-Bahnhof.
In Schriesheim hat der Satan noch seine Finger im Spiel des alltäglichen Lebens, und wenn nicht, dann doch zumindest abends am Matthaisemarkt vor dem Weingut Wehweck. „Die Odenwälder sind ja alles Heiden“ – das wusste ich noch von Omi (die mit der Chaise Longue). Ihre Musik ist deswegen noch nicht besser: als ich mich an den Baustellenlärm gewöhnt hatte, fiel mir auf, dass weit und breit keine Baustelle zu sehen war. Da der Lärm unmittelbar aus einer Gruppe schwarzgekleideter Nachwuchssatanisten kam, vermutete ich, endlich auf echte satanistische Musik gestoßen zu sein und beschloss meine Feldstudien vorerst.
Zwei Lektionen hatte ich bis dahin gelernt: 1. die Odenwälder Satanisten sind eigentlich die nettesten Menschen im ganzen Delta, und 2. wenn Gott wirklich stärker wäre als Satan, hätte er diese Musik verhindert. Ich vergaß das Problem bis vorletzte Weihnachten, wo ich es mit Gott dann doch noch mal probieren wollte, oder eigentlich Omi einen Gefallen tun, und mir die Christmette ansah. Zum verspäteten Entree gabs „Hotel California“ von den Eagles, und davon abgesehen, dass der Pfarrer entweder 1. mit dem Leibhaftigen im Bunde war, oder 2. kein Englisch konnte, wurde der Gottesdienst ein voller Erfolg. Bzw. ich weiß es nicht mehr genau, weil ich die ganze Zeit versuchte, „pink champagne on ice“ im Kopf zu intonieren. Für alle, die es nicht wissen: Hotel California ist ein Lied über die First Church of Satan.
Nächste Weihnachten gab`s „Posessed“ live von mir auf der E-Gitarre und King Crimson’s doppeldeutiges Album „In the Court of the Crimson King“ für Papa. Omi klatschte und mein Vater freute sich sichtlich. War das Zufall? Warum war „Number of the Beast“ das einzige gute Lied auf der gleichnamigen Maiden-Platte? Wie kommt es, dass ausgerechnet „Stairway to Heaven“ von Radiohörern zum beliebtesten Song im Delta gewählt wurde? Muss man erst seine Seele verkaufen, um einen Klassiker zu schreiben?
Und vor allem: darf man im Himmel eigentlich Bad Religion hören?
Jochen Weiland




