Thingstätte 2007: Kommune oder Kommerz?

Die Gretchenfrage des 20. Jahrhunderts hat in Heidelberg nur noch am Rande mit Religion zu tun. Nach Jahren des „eifrigen Bemühens“, Studentenjahren also, lautet die Antwort der älteren Semester meist: „Nee, das ist mir zu voll/assi/trendy“. Die Frage, man hat es sich gedacht, war natürlich: „Warst Du am ersten Mai auf der Thingstätte?“

Voll war es vermutlich schon immer, wenngleich das Programm 1940 eher schlechter war als heute. Wer es geschafft hatte, während der Ansprache des Gauleiters nicht zu lachen, musste noch gemeinsames Singen und allgemeine Euphorie zwischen sich und den Feierabend bringen. Bongos gab’s auch keine, statt dessen Blasmusik. Ekstase? Fehlanzeige!

Die Alternativen erkannten die feiertechnischen Mängel der Braunhemden und schafften die Ansprache ab. Musik durfte jeder machen der wollte, und da die wenigsten konnten, aber alle wollten, war die Atmosphäre für totale mentale Eskalation geschaffen. Mental, wohlgemerkt! Diverse mitgebrachte oder im Wald gesammelte Substanzen ermöglichten die Schaffung eines kollektiven Bewusstseins, das ungemein zur Unfallvermeidung beitrug. Ob dies an der Vernetzung der Gehirne lag, oder daran, dass die meisten bewegungslos herumlagen, ließ sich nicht klären, da sich am nächsten Tag niemand erinnern konnte. Oder wollte.

Es war, wie lokale Experten nach kontrovers geführten Diskussionen feststellten, exakt in der Nacht des 29.4.2001, als die Thingstätte zum Event wurde. Was nicht bedeutet, dass es da oben langweiliger wäre. Die Action findet jetzt bloß weniger in den Köpfen, als auf den Köpfen statt. Und die ehemaligen subversiven Elemente, die sich nur noch vereinzelt auf dem Berg finden, entdecken eine Regung, die sie nie für möglich gehalten hätten: Mitleid mit den Ordnungskräften. Wer einmal den Zirkus verfolgt hat, dem sich die Beamten aussetzen müssen, denkt zuerst: Wie kann es eigentlich sein, dass wir zum Feiern zwei Dutzend Polizisten brauchen. Und dann: irgendwo gibt es ihn, den Ort, wo alles sein könnte wie früher, den neuen Geheimtipp.

Jochen Weiland

Jürgen Wiegand | Donnerstag, 03. Mai 2007 12:43 | Keine Kommentare »

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