Apocalypse Now!
Die erfahrenen OEG-Nutzer erkennt man in dieser Situation daran, dass sie sich nicht einmal umdrehen. Die Omis ignorieren es mit einer an Aufdringlichkeit grenzenden Aunauffälligkeit, die Teens machen Fotos und freuen sich, dass es auch Menschen jenseits der Pubertät gibt, die sowohl verwirrt als auch lautstark sind. Die einzige Gemeinsamkeit in den Reaktionen auf den gemeinen Straßenbahnprediger (SBP), einer Unterart des in New York entstandenen Straßenpredigers, ist, dass sie keiner ernst nimmt.
Die Heidelberger Spezies des SBP tritt vor allem in den Linien um den Bismarckplatz auf und ist zumeist an ihren eklektischen Klamottenkombis zu erkennen. Subtrahiert man davon die Physik- und Maschinenbaustudenten (tragen keinen Vollbart), PHlerinnen (tragen überhaupt keinen Bart), sowie klassischen Penner (tragen Bart, aber keine Bücher), bleibt in der Regel ein Mittvierziger mit Vollbart, längeren Haaren und wahlweise a) der Bibel, b) dem „Wachturm“ oder c) „Weltwissen von A-Z“ unter dem Arm übrig. Es sei angemerkt, dass Möglichkeit c) eine rein empirische Erhebung ist, über deren Interpretationsgehalt die Experten bis heute streiten.
Im Gegensatz zum Fußgängerzonenprediger (FGZP), sind die Predigten des SBP meist von apokalyptischem Inhalt. Jetzt wo Hitler (zumindest in der Meinung der meisten SBPs) tot ist, droht Ungemach wahlweise von der SPD (sagen die Jehovas), den Zeugen Jehovas (sagen die protestantischen SBPs), oder den Protestanten (sagen die katholischen SBPs). Soweit, so nachvollziehbar.
Denkwürdig ist jedoch die Einigkeit der mobilen Propheten darin, dass SPD/Protestanten/Jehovas nicht nur Deutschland/das Christentum/die menschliche Vernunft ruiniert, sondern, ja, es soweit getrieben hätten, dass der Weltuntergang kurz bevor stünde.
Geradezu verwirrend sind jedoch weniger die Aussagen der SBPs, sondern die immer größere Zahl ihres Auftretens im öffentlichen Raum. Richtiggehend verstörend jedoch kann ein Gespräch mit einem SBP sein. Nachdem man von Bismarckplatz bis Collinicenter ein mehr oder weniger freiwilliges, einstündiges Update in Sachen Apokalypse erhalten hat, schafft es, bei der Kippe danach, ein lange verdrängter Gedanke ins vorher tageshelle Bewusstsein vorzudringen: Was wenn er recht hat?
Jochen Weiland



