Wir brauchen unsere Straßenkünstler!
Schuldbewusstsein gegenüber anständigen Nine-to-Five´lern ist Teil der Existenz des freien Journalisten. Wenn er dann noch an einem unanständig sonnigen Heidelberger Frühsommerwerktag feststellen muss, dass ihm der Tag mangels Aufträgen zu Füßen liegt, hat er
a) die Möglichkeit, sich im Café Médoc unter eingebildeten Blicken der grundsätzlich gehetzten, vom oder zum Businesslunch hetzenden Vollbeschäftigten schlecht zu fühlen,
b) sich zu betrinken und beim subtilen Versuch, die junge Mutter vom Nachbartisch von frühsommerlichen Verwegener-Journalist-trifft-gelangweilte-Hausfrau-Phantasien zu überzeugen, zu scheitern oder
c) die Charity-Tour durch die Fußgängerzone zu wählen.
Ich wähle neuerdings die Charity-Tour.
Mit einem Schuldbewusstseinskonto, das in Folge späten Aufstehens, massiven Zigarettenkonsums zum ausgedehnten Frühstück und allgemeinen Unbeschäftigseins in keinem Verhältnis zu seinem pekuniären Pendant steht, trifft der Bohème vollkommen undigital zerknautscht auf dem Bismarckplatz ein. Nachdem er willenlos seine Unterschrift unter ein Dokument gesetzt hat, das ihm ein beseelter Mitarbeiter von Amnesty Int./Tierschutzbund/Falun-Gong unter die Nase gehalten hat, fühlt er sich besser. Auch wenn er, vor allem im Fall Falun Gongs kein Wort verstanden hat. Gegen die chinesische Regierung war man ja irgendwie schon immer, Flüchtlinge und Tiere mag man auch, und vor allem: Es hat nichts gekostet.
Beschwingt spendet der Journalist ein paar Breakdancern am Eingang der Hauptstraße Beifall, obwohl er gar keinen Hip Hop mag. „Die Jugend stellt was auf die Beine“ und „könnte man einen Artikel drüber schreiben“ denkt er kurz, während er einem albanisch aussehenden Straßenmusikanten 20 Cent in die Mütze wirft. Der Artikel ist bereits bei dem kleinen Mädchen mit der Flöte vergessen, ebenso die Tatsache, dass er noch nie einen Albaner gesehen hat. Höflicher Beifall, bevor er einem Handymarketingmann einen bunten Wisch abnimmt und diesem den Tag rettet. Und dies, obwohl er schon seit Jahren kein Handy mehr benutzt.
Mit steigender Laune kommt der inzwischen alles andere als unbeschäftigt wirkende Schreiber so richtig in Fahrt. Ein aufmunternd-verschwörerisches Lächeln jeweils an zwei herumlungernde Restaurantbesitzer und einen Straßenmaler, sowie 30 Cent für den Hippie mit der Gitarre in etwas weniger als drei Minuten.
Als er gerade beschäftigt ist, zwei Mitgliedern einer obskuren christlichen Sekte geduldig sein Weltbild zu erklären, wird ihm klar, dass er die Erlösung von Schuld nicht mehr braucht.
Jochen Weiland




