Kneipenlos glücklich
Denk ich an Heidelberg in der Nacht... bin ich eher selten um den Schlaf gebracht. Nach aufreibenden Studentenjahren in diversen Abfüllstuben, die das verborgene Skelett der Romantikerstadt bilden, finde ich mich immer öfter Samstag abends auf der Couch wieder. Fast genauso oft schlafend.
Einige Zeit ging kurz vor dem kleinen Tod am frühen Abend noch die rote Warnlampe an, auf der steht: Party. Zusammen mit den von Lunge und Leber eintreffenden Signalen schufen sie eine Kakophonie von widersprechenden Botschaften, die ich in der Regel mit wildem Aktionismus ruhig zu stellen versuchte. Der schließlich in die ebenso zwingende wie banale Lösung mündete, "doch halt mal zu gucken was in der Halle und dem Karlstorbahnhof geht". Oft genug nichts.
Ich trinke inzwischen Tee statt Tequila. Heidelberg hat mir den Schnaps abgewöhnt. Wenn man es in jüngeren Jahren denn einmal schaffte, in der Unteren Straße die wabernde Mischung aus Klaustrophobie und Kapitalismuskritik aus dem eigenen Kopf zu spülen, so landete man am Ende doch wieder nur in einem Laden, der so aussah wie die Amis sich eine In-Kneipe in Heidelberg vorstellen. Und genauso teuer war.
Um den neuen Marstall hinter mir zu lassen, brauchte ich nur einen Besuch. Ich saß im kafkaesk wabernden Licht und fühlte mich postmodern. Tags darauf, ich hatte mir gerade ein Buch über die Postmoderne gekauft, war sie dann aber auch schon vorbei.
Die Rettung kam zu spät: Als die Halle 02 aufmachte, war ich bereits vom Neospießbürgertum infiziert. Gelegentlich treffe ich mich dort mit anderen betroffenen Frührentnern auf Ü30-Parties. Wir trauerndann zusammen glorreichen, wenngleich leicht verschwommen imaginierten Heldentaten nach. Und freuen uns klammheimlich, dass wir doch nicht wie geplant mit 50 täglich vorm Vater Rhein auf Einlass harren. Danke, Heidelberg!
Jochen Weiland



