Was ich vom Party-Taliban lernte
Heidelberg, ich muss mich bei Dir entschuldigen. Irgendwie waren wir, Du und ich, in Gefahr ein altes, verbittertes, gelangweiltes Ehepaar zu werden. Du alt, ich verbittert. Gelangweilt wir beide.
Deine alten Gemäuer konnte man anstarren so lange man wollte: Sie blieben immer Postkarten von Deutschland. Also nicht von Deutschland heute (das ist die Print Media Lounge), sondern von Deutschland anno dazumal. Wobei ich befürchte, dass die Heidelberger anno dazumal auch schon dachten, Heidelberg erinnere sie an anno dazumal. Und so weiter.
Hinter Deinen Gemäuern: Heidelbergianer. Also Heidelberger, die sich bewusst sind, dass sie in Heidelberg wohnen. Was soviel heißt wie: Bier auf den Boden, ja, aber dann auch gleich wieder wegwischen. Tanzenderweise total eskalieren, aber nur wenn es zumindest entfernt an den Sänger einer „The…“-Band erinnert, oder sich die Zuschauer zumindest einbilden, dass es das täte. Wenn schon scheiße aussehen, dann wenigstens Ähnlichkeit mit Steve Tyler von Aerosmith haben, etc.
Vielleicht war ich einfach nie in Deinen Hinterhöfen. So wie neulich, als ich die Welt und vor allem Dich, Heidelberg nicht mehr verstand. Schon der Lärm der Musik, einer polnischen Mischung aus Rammstein und Nena, hätte mir eine Warnung sein sollen. Die Tür öffnet ein bulliger Typ in Armeeklamotten und spätestens jetzt hätte ich meinen Verstand besser in der Garderobe gelassen. Statt dessen Erwartungshaltung auf „amerikanisch-smart aussehender Exsöldner“ programmiert und Gesprächsthemen wie „Sinn und Unsinn des Einsatzes im Irak“/ „Hochleistungswaffen und Bundesetat“ hochgeladen. Bevor ich die Mangelhaftigkeit meiner Armeekenntnisse unter Beweis stellen konnte, wurde ich jedoch auf der Dachterrasse von einem grimmig aussehenden Taliban in ein Gespräch verwickelt. Ich versuchte noch, während ich gegen die ungefragt nachgeschenkten Alkoholunmengen ankämpfte, dem Taliban zu erklären, warum ich Knoblauch in JEDEM Essen für nicht deutschland-kompatibel hielt, als der Söldner, der sich inzwischen als Kirchenangestellter herausgestellt hatte, ein reichhaltiges Rauschmittelsortiment auf dem Tisch ausbreitete.
Gleichermaßen verwirrt wie gespannt erwartete ich die Reaktion des Moslemextremisten, der auch prompt ablehnte. Auch die Frage, was eigentlich ein gestandener Katholik und ein fanatisch aussehender Iraner miteinander zu tun hätten, klärte sich, als der vermeintliche Terrorist sich als Buddhist zu erkennen gab. Die Lebensabschnittsgefährtin des Söldner/Katholiken/Drogenkonsumenten verlustierte sich derweil drinnen bei freiem Ausdruckstanz, diesmal zu einer obskuren Deutschtechnopopgruppe. Die in all ihrer Grauenhaftigkeit durch die selbstbewussten Bewegungen der als unscheinbar abgestempelten Söldner/Katholiken/Drogie-LAG in mir eine lange verborgene Sehnsucht nach a)Deutschpop und b)der LAG wachrief.
Der Taliban/Buddhist, der nebenberuflich Koch, hauptberuflich Lebemann war, besorgte meinem Schubladendenken dann noch den Rest, als er mir mit gänzlich unesoterischer Präzision die Vorteile des Heidelberger Nachtlebens darlegte. „Es gibt sie, die wahnsinnigen Partys in den Hinterhöfen“, raunte er mir verschwörerisch zu. „Und alle außer mir kennen sie“, fügte ich für mich traurig hinzu.
Jochen Weiland




