Heute: moderne Lyrik
Lyrik haben wir ja alle mal geschrieben, zumindest die unter uns, die nicht schon immer cool waren, oder es immer noch nicht sind, oder es nie sein werden. Die Formel damals war: die einen haben Sex, und die anderen schreiben Gedichte drüber. Natürlich gibt es auch die, die wirklich Sex haben, und trotzdem Gedichte schreiben, aber die haben dann meist andere Probleme. Zum Beispiel, dass sie beim Sex an ihren Vater denken (Plath), oder nur betrunken Sex haben können (Kerouac), oder außer Sex haben, Trinken und Geschichten schreiben nichts anderes können (Bukowski).
Ich machte mich auf jeden Fall gefasst, sehr, äh, interessante Menschen, gequälte Existenzen, mit und ohne Sex, kurz, richtige Dichter kennenzulernen, als ich letzten Samstag auf den Poetry Slam im DAI ging. Um es kurz zu machen: es gab genau zwei Dichter im klassischen Sinne, von denen ich den einen gar nicht verstand, weil er Englisch sprach, und den anderen zu gut, weil er das Bild meiner tiefsten Bühnenängste manifestierte. Die zweite Überraschung war, dass es irgendwie gar nicht um Sex ging, sonder vor allem um Bier und kommunikative Pflanzen, sowie um Psychopharmaka und Feuer-mit-zwei-Wattestäbchen machen, kurz: irgendwie immer um Wahnsinn. Und Bier.
Irgendwie kennt man das, Trakl war ja auch irgendwie schizophren, und Drogen hat er auch eine Menge genommen. Trakl hatte ich natürlich auch nicht erwartet, aber doch zumindest etwas mehr oder weniger aufgesetzte Polit-Agit-Poetry, mit Afghanistan, oder den Nazis, dazu noch ein bisschen Dada, weil wenn die Leute nix verstehen, können sie auch nicht sagen der Dichter sei Scheiße. Und gefakter Wahnsinn verkauft sich immer gut hat Meese ja bewiesen, und beweist und beweist und beweist bis man sich wünscht, die Kunst würde endlich tatsächlich an ihr Ende kommen, oder zumindest Meese. Tatsächlich sagte irgendjemand später auch so was wie „Totaler Unernst“ und „symptomatisch für unsere Spaßgesellschaft“, aber da hatte mich der Abend bereits in seinen Bann gezogen.
Natürlich waren nicht alle an diesem Abend gut, aber den einzigen Polit-Rap habe ich beim Bierholen verpasst, und als hippen Wahnsinningen a la Meese hat sich keiner verkauft. Statt dessen erklärte mir ein großer Mensch mit Glatze, dass hitzige Diskussionen mit einem Ficus Benjamini durchaus eine Alternative darstellen, wenn man keine Freunde hat, eine grandiose Dame nannte ihre Gedichte zwar Unsinn, umschrieb aber den Horror der kleinen Dinge besser, als es Meese je getan hat. Der nächste assoziierte wie ein Psychotiker, ohne das auf einem Schild jedoch um den Hals zu tragen. Als der Junge mit der Mütze schließlich die Hölle der eigenen Wohnung, in der plötzlich alles unsichtbar, oder man selbst nicht mehr ganz bei Trost, zumindest das Badezimmer voll ausgelaufenem Shampoo ist, lag der Wahnsinn deutlich in der Luft. Die ebenso freundliche wie unverdorbene S. sagte danach, den könne sie nicht wählen, der nähme ja Drogen und sei irgendwie nicht ganz bei Trost, und ich fragte mich: soll ich ihr jetzt sagen, dass ich ihn genau deshalb gewählt hatte?
Ich versteckte mich dann hinter einer uneindeutigen Aussage über den erkenntnistheoretischen Wert von Wahnsinn und Humor in einer hyperrationalistischen Zeit und merkte ab dem ersten Satz, dass ich mir ja die ganze Zeit selbst widersprach. Schließlich beschloss ich, über Wahnsinn nicht weiter nachzudenken, erkenntnistheoretisch oder nicht, es gäbe ja noch andere Dinge.
Sex zum Beispiel...




oder mal die Rheinseite wechseln und zuhören, wenn der Slam schläft und die Dichter. äh, ja einfach lesen...
LU, Stadtbibliothek, Räuber.... *steht im Meier*
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