Welcher Glaube ist der richtige für mich?
Seit der großen Organspendershow in Holland (die vermutlich auf härteren Drogen als Cannabis ausgeklügelt wurde) warte ich bangend auf die erste Sendung a la „Welche Religion ist die beste für mich?“ Sie würde vermutlich von Endemol produziert und beschäftigte sich mit Fragen wie „Buddhist und Karriere – geht das, und wenn ja, macht sich das steuerlich begünstigend bemerkbar?“ und „Wie hoch muss der Prozentsatz adoptierter Kinder aus Krisenregionen sein, und überhaupt: lieber Afrika oder Irak?“
Als ich vor dem leeren Bildschirm durch energisches Klingeln aus meiner prä-produktiven Totenstarre gerissen wurde, hatte ich die Auswahl bereits auf Christentum und Buddhismus mit einer Prise Kabbalah, sowie pantheistischen Einflüssen mit animistischem Einschlag eingschränkt. Es waren die Zeugen Jehovas. Zwei, um genauer zu sein, und dass sie Zeugen waren sagten sie auch nicht gleich. Eine war hübsch, die andere beseelt.
Während ich krampfhaft versuchte, meine Augen in die der Beseelten und nicht im Ausschnitt der schweigsamen Hübschen zu versenken, hätte ich genug Bibelkunde für den Rest meines Lebens, sowie die beiden nächsten Wiedergeburten aufnehmen können. Statt dessen ungestellte Fragen wie: „Was machst Du eigentlich bei den Zeugen?“, „Soll ich Dich da heute Nacht rausholen?“ und „Nehmt ihr auch trinkende Kettenraucher auf?“
Fragen 1 und 2 klärten sich dann relativ schnell: die hübsche Heilige war gern bei dem Verein. Und nein, Raucher müssen draußen bleiben. Überhaupt: Je cooler ich auftrat, desto lächerlicher machte ich mich. Ist eine leicht exzentrische, aber friedliche Sekte mit festen Regeln wirklich so lächerlich? Ist absoluter Rationalismus im Grunde nicht noch peinlicher als Glaube? Kann Christentum etwas, was Nikotinpflaster nicht können? Und: wie bekomme ich dauerhaft so einen seligen Ausdruck ins Gesicht?
Exakt drei Stunden lang, nachdem die beiden gegangen waren, war ich ein guter Christ. Dann gönnte ich mir die Zigarette danach.
Jochen Weiland




