Sonst holen wir die Polizei...
Wir Heidelberger Weststädter haben im StudiVZ eine eigene Gruppe und inzwischen sogar einen eigenen Gruß, der natürlich streng geheim ist. Weststadt heißt dort Westside und neulich dachte ich sogar kurz, ich hätte eine brennende Mülltonne ausgemacht, aber es war nur der Hausmeister bei der Zigarettenpause. Überhaupt war das Teil hinter dem er saß überhaupt keine Mülltonne und ich fragte mich unwillkürlich: Ist dir Heidelberg zu harmlos? Wird es Zeit nach Mannheim zu ziehen? Hattest Du nicht mal gelesen, dass man dort Hartz IV nicht eh viel leichter bekommt als in HD?
Nicht dass Westside keine zwielichtige Action zu bieten hätte: Wenn man den Hundehaufenparcours (HHP) zwischen Ringstraße und Handelshof überwunden hat, sollte man auch im Falle eines Tretminenkontakts keinesfalls mit der Aufnahme der Primärschäden beginnen bevor man nicht an der Schnorrergalerie vorbei ist. Das kann je nach Charakterfestigkeit unterschiedlich teuer werden; sicher ist jedoch dass „Ich bin Student, ich hab kein Geld“ auch in Zeiten der Studiengebühren noch keinen heidelberg-zertifizierten Schnorrer von seinem erklärten Ziel abgebracht hat.
Wie weiland Odysseus im Angesicht der Sirenen sollte man den Blick beim Durchqueren des HHP auch bei ausgesprochen interessanter Geräuschkulisse von rechts nicht vom Boden nehmen. Dort gäbe es zwar originale Punks, sowie „real homeless people“ zu sehen – verkackte Schuhe sind dann aber doch zu viel der zwielichtigen Action.
Im Handelshof eskaliert der aufgestaute Druck im Westside-Ghetto dann völlig: Aufgeheizte arbeitslose Radikaljuristen, drogenabhängige Ehtnologiestudenten, die obligatorischen Alkis und natürlich ich tragen hier einen täglichen Überlebenskampf aus, bei dem mit Sätzen wie „Nee, ich kann Ihnen kein Geld für den Einkaufswagen wechseln, tut mir leid“ die Spitze der Brutalität noch nicht erreicht ist. Vollkornbrotabhängige Low-Price-Hustler machen dem Unerfahrenen jedes noch so minimal reduzierte Angebot streitig, während fanatisierte Ghetto-Mums ihre kriminellen Bälger in Schwärmen zur brutalen Restpostenakquise aussenden. An Knotenpunkten wie dem „Tolko Ananas-Mandel-Käse“-Regal kommt es regelmäßig zu tumultartigen Szenen, wenn sich die unfreiwilligen Sozialdarwinisten Schlachten um die streng sozialistisch rationierten Exemplare der dänischen Mörderdroge liefern. Vor allem das sog. schwache Geschlecht beweist hier, dass eine Gesellschaft unter weiblichen Maßstäben vermutlich ebenso in Sodom und Gomorrha enden würde, wie es die unsere getan hat.
Ja, ist ja gut, ich gebe es zu: Heidelberg ist einfach unglaublich harmlos. Vermutlich ist das auch der Grund, warum die „Rucksacksäufer“ es überhaupt in die Zeitung geschafft haben, die Polizei einen dicken Etat bereitstellt um Kiffer auf der Neckarwiese zu jagen und mein Freund A. trotz seines ausgesprochen, äh, kommunikativen Wesens noch nie eine aufs Maul bekommen hat. Warum meine 80jährigen Untermieter mit der Polizei drohen, wenn ich nach 23 Uhr zum Rülpsen nicht in den Keller gehe und die Studenten gegenüber eigentlich erst einmal so richtig auf die Kacke gehauen haben, und das war bei der WM, und als meine 80jährigen Untermieter dann rübergekrächzt hatten, auch gleich wieder ruhig waren.
Tatsächlich habe ich mich inzwischen so an Schmeichelberg gewöhnt, dass ich mit dem Gedanken spiele, eine Beschwerde in dreifacher Ausführung bei der Verwaltung einzureichen, wenn die Mülltonnen nach der Leerung nicht pünktlich wieder im Keller stehen. Wenn jemand die Teile anzünden würde – unvorstellbar!
Jochen Weiland



