Sagt Tante Jochen..

Liebe Teenager,

ich verstehe ja, dass ihr Aufmerksamkeit braucht. Irgendwie braucht die ja jeder, und manchmal, wenn ich mich ganz allein fühle, dann ziehe ich mein buntes Hawaiihemd an und lauf damit durch die Hauptstraße. Ich bilde mir dann meistens ein, dass die Leute mich anstarren, weil sie so eine verwegene Kombination noch nie gesehen haben, und nicht, weil das Schreckliche immer noch das Faszinierendste ist.

Auch meine Mama hat mich manchmal allein gelassen, und auch ich möchte manchmal die Liebe der ganzen Welt, und wenn schon nicht Liebe, dann zumindest Aufmerksamkeit. Das sind dann die Tage, an denen ich mein Hawaiihemd raushole und wenn’s ganz schlimm kommt, setze ich auch noch einen Hut auf.

Der kleine, aber feine Unterschied zwischen uns ist, dass die Leute einfach weggucken können, wenn sie Angst haben, vom Anblick meines Hawaiihemdes bleibende Schäden davonzutragen. Wenn ihr uns Erwachsene in der OEG allerdings mit 50 Cent, Beyonce oder gerne auch mal Ballermann-Hits 6 aus quakenden Handylautsprechern beschallt, können wir nicht einfach die Ohren zumachen. Lustigerweise glaube ich, ihr wollt uns gar nicht quälen. Wenn ich mich noch richtig an meine lustige Teenagerzeit erinnere, dann habe ich meine geliebten Eltern hauptsächlich deshalb mit „Megadeth“ bespielt, weil ich, ganz insgeheim, überzeugt war: dies ist die einzig wahre Musik.

Man war irgendwie stolz, die Benjamin-Blümchen-Phase hinter sich, und die Klassik-Phase noch vor sich zu haben. So richtig stolz war man allerdings erst, wenn Papa einem „Megadeth“ wegen der satanischen Texte verboten und Omi einem ein Buch über die Gefahren des Schallplatten-Rückwärts-Hörens geschenkt hatte. Ab da war „Megadeth“ keine Musik mehr – es war ein Lebensstil!

Mir schon klar: jeder braucht einen. Der kleine, feine Unterschied zwischen uns und Euch ist allerdings: Wir haben lediglich Mama und Papa gequält. Eltern können so was ab, das gehört zum Kinderkriegenpaket. Und wenn Papi dann auch noch Psychologe ist, verkauft er Mami die ganze Rebellionsgeschichte noch als „Autonomisierungsprozess“. Das macht die Sache zwar nicht geräuschloser, aber irgendwie erträglicher.

Dumm jedoch: ich bin weder Vater, noch Psychologe. Ich hasse amerikanischen Hip Hop, Charts höre ich nur, wenn meine Frau mich und meine Kreditkarte zu H&M schleppt und ein Lautsprecher sollte meiner Meinung nach mindestens so groß sein wie ein Teenager. Deshalb: Wenn wir böse gucken, weil ihr in der OEG trashigen R’n’B hört, dann gucken wir nicht böse, weil wir Euch insgeheim eigentlich total cool finden. Wir gucken böse, weil wir einfach böse sind!

Mit allerfreundlichstem Gruß,

Euer
Jochen Weiland

Jürgen Wiegand | Montag, 02. Juli 2007 15:12 | 1 Kommentar »

Kommentieren

Meine Informationen merken

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


Kann ich nicht lesen, neues Bild bitte.


Kommentare

1 Antwort zu “R’n’B ist NICHT cool!”

  1. Christina schrieb am Mittwoch, dem 4. Juli 2007 um 00:03

    Wie wahr! Vorallem morgens, wenn man mit noch verkrusteten Augen in der OEG sitzt u. das Teenager-Gegenueber mal kurz das Handy extra lange klingen laesst, um auch dem letzten OEG-Insassen zu beweisen, dass es den neuesten RnB Song fuer ein ach so erschwingliches Sparabo waehrend der MTV Werbung erworben hat und einem somit den letzten Schlaf raubt. Gar nicht cool.

Newsletter

Newsletter Abo
Welde_zeigt

Die meistgeklickten Podcasts:

1. Hakims Imbiss
2. ACTA Demo
3. Restauranttester Rach

Promotion

Wellnessurlaub im 4+ Sterne Wellnesshotel an der Mosel