Heute: Der Dorfjournalist

Landleben II

Den guten Journalisten „juckt“ es selbstverständlich auch in den Redaktionsferien seines „Hauptarbeitgebers“ ständig in den Fingern, oder, wenn nicht dort, so doch im Geldbeutel. Nachdem er sich in Ermangelung sonstiger Freizeitmöglichkeiten in seiner Zwölftausend-Seelen-Heimatstadt Ladenburg eine Woche lang in exzessiven Verschönerungen des elterlichen Eigenheims und danach in noch exzessiveren Meditationen über die Unfähigkeit zum Nichtstun des sog. „zivilisierten Menschen“ ergangen hat, erkennt er dreierlei:
Die Fenster grün zu streichen war keine gute Idee (finden zumindest die Eltern).
Weiterhin nichts zu tun, ist auch keine gute Idee.
Man könnte doch mal den Chef der lokalen Zeitung zwecks Finanzierung weiteren Nichtstuns, bzw. Abschaffung des selbigen zu Rate ziehen.

Drei Tage später findet man sich auf einem lokalen Gehöft wieder, es spielt und singt der „Odenwälder Shanty Chor“ und ganz Ladenburg ist da. Trotzdem – irgendetwas ist anders. Man muss schmerzlich erkennen: Die Anderen sind es nicht. Man bekommt immer noch die bösen Blicke, wenn man mit Stift, Block und geschäftiger (inzwischen: abgeklärter) Miene dem sog. „bunten Treiben“ um einen herum folgt. Nein, das Problem liegt inzwischen im „abgeklärt“. „Dorfjournalist“ hat für den äußerst erfolgreichen Top-Schreiber eines Mannheimer Stadtmagazins klangliche Assoziationen mit „mit 40 noch bei Mama wohnen“ bekommen und, dass er weder top, noch fest angestellt und tatsächlich wirklich Heimschläfer ist, macht die Sache nicht besser. Bevor die Assoziation „Heimschläfer-Zuhause-grüne Fenster“ manifest werden kann, hat ihn der Veranstalter am Schlafittchen und da man auf die Frage „Was trinken Sie?“ schlecht „Wasser, ohne Kohlensäure“ antworten kann, zumindest nicht in Ladebersch, gibt’s erst mal ein Bier. Plus Infos. Plus noch mehr Bier und dazu einen Flirt mit der Tochter des Veranstalters und die Laune bessert sich merklich.

Der Shanty Chor singt inzwischen über Wein, Weib und Gesang und da die hübsche Bauerstochter abwesend und der Mut zum Mitsingen noch nicht anwesend sind, gibt’s noch mehr Bier. Inzwischen beginnt die Kulisse des Konzerts vor den Augen des vormals beflissenen Top-Dorfjournalisten eine schwammig gelbliche Färbung einzunehmen, karibisch sozusagen, das Motto ist ja auch „Piraten“. Erklären die Umsitzenden dem Nachwuchstalent, der innerlich seinen Frieden mit Ladenburg und den Ladenburgern geschlossen hat, die sich ausgesprochen umgänglich zeigen, seit er ein Bier vor sich stehen hat. Er lernt einen Chiropraktiker kennen („kann man immer brauchen“), auch wenn er in einer geschlagenen halben Stunde nicht herausfindet, was ein Chiropraktiker ist. Als Elvira, mit blonden Strähnen in den rötlichen Haaren, bekräftigt, dass „grüne Fenster auch schön sein können, es kommt auf den Kontext an“, beschließt er, in Ladenburg einen Familie zu gründen, mit Elvira, oder der hübschen Bäuerin, oder beiden, und eine eigene Zeitung. Oder gleich eine Kommune, Platz gibt es ja.

Der Schädel am nächsten Tag ist ebenso phänomenal wie die Einsicht, dass die zwei bestehenden Zeitungen für Ladenburg mehr als ausreichen. Dass Elvira bereits verheiratet ist und ein Bauernhof vielleicht wirklich keine gute Idee. Aber auch: dass er sich endlich mit Ladenburg angefreundet hat. Und mit grünen Fensterläden.


Jochen Weiland

Jürgen Wiegand | Dienstag, 24. Juli 2007 11:35 | 5 Kommentare »

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Kommentare

5 Antworten zu “Landleben II”

  1. Michael schrieb am Mittwoch, dem 25. Juli 2007 um 21:37

    Ladenburg ist die älteste deutsche rechtsrheinische Stadt. STADT. 10 min entfernt von Mannheim wie Heidelberg via Bahn oder Auto. Mit dem Fahrrad sind es gerademal 20 min. Zu Fuß schätze ich ml 1 Stunde. Wer da was mit Dorfjournalismus schreibt, tja, der ist einer...und wird es wohl bleiben.

    meiermeier, der mal ketchup hieß

  2. Borscht schrieb am Donnerstag, dem 26. Juli 2007 um 15:24

    Lieber Michael. Wenn am Ortseingang STADT steht, will das nichst heißen. MA+HD+LU ergibt auch keine Metropole und Ladenburg ist ein nettes DORF, mit netten Menschen und netten Töchtern. Und mit einigen Lokalpatrioten.
    ;)

  3. Michael schrieb am Freitag, dem 27. Juli 2007 um 01:15

    Ladenburg war Civitas als in Berlin noch die Gurken jammerten und was bitte ist denn Stadt? Ab Köln und der Million Einwohner aufwärts? Und, nein, ich wohne nicht in Ladenburg, ich denke gar nicht daran und ich habe nichts gegen Dörfer, im Gegenteil, aber ich denke der Autor weiß sehr wenig über Journalismus, kapiert nix über regionale Strukturen..oder so und was ist eine Metropole, ei, geh fort...

  4. Jochen schrieb am Dienstag, dem 31. Juli 2007 um 16:58

    Sehr geehrter Herr Michael!
    1. Sie haben offensichtlich nie in Ladenburg gewohnt; ich ca. 20 Jahre. Ladenburg IST ein Dorf.
    2. Wen interessierts?
    3. Weder guter Journalismus, noch "regionale Strukturen" (Brüller!) interessieren mich beim Schreiben des Blogs. Dies ist ein BLOG! Es geht hier nicht um hard facts! Wenn Sie dies in Zukunft auch für ihre Dichterkarriere berücksichtigen, kann man ihre Lyrik in ein paar Jahren vielleicht sogar lesen.
    Mit allerfreundlichstem Gruß, J.W.

  5. Michael schrieb am Samstag, dem 4. August 2007 um 10:11

    Eben ein Blog, genau das. Von einem sonst großstädtischen Journalisten, aus der großen weiten Welt, der in seinem heimatlichen Dorf sein Talent verschwendet und die sich mit Landfrauen abgeben muss, ein Blog, eben eines großen Journalisten eines weltläufigen Blattes sonst, kurz vor der Eroberung des Pulitzer und dann auf dem Land, ja so was aber auch. Ein Blog, jaja, ein Blog. *nickt

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