Oder: Cold Turkey
Als Holm Friebe und Sascha Lobo sich voll heimlichen Stolzes zur Sucht der urbanen Dauervernetzung bekannten, kam das Landei in mir hoch. Also nicht das „Oooh, die vielen Menschen hier in der Stadt“-Landei, sondern das vielwissend-bauernschlaue Landei, das bei seiner Geburt schon so abgebrüht war, dass es den „Überlebenskampf“ in „Großstadtschluchten“ und an „neuralgischen Hyperkommunikationszentren“ gar nicht braucht, ja nicht einmal genau weiß, worum es sich bei letzteren handelt. Wenn das außer Friebe und Lobo überhaupt jemand weiß.
Wie Lao-Tse, der, obwohl auf dem Land geboren, den Bauch der Mutter gar nicht erst verlassen wollte – er wusste schon: auch draußen nix Neues. Das wurde mir im Kindergarten dann auch vollends klar, weshalb ich mich konsequent Neuerungen verweigerte, vor allem den technischen. Faktisch hieß das: das alte Handy der kleinen Schwester „auftragen“, sich Festverträgen verweigern und dementsprechend bis in das neue sogenannte „Millenium“ hinein mit Mobiltelefonen von der Größe eines Backsteins herumlaufen. Auf mein erstes Klapphandy war ich dann doch einigermaßen stolz, bis ich in der OEG von ein paar Zweitklässlern dafür ausgelacht wurde.
Der Technikteufel gab jedoch nicht auf, und schlich sich durch die Hintertür in mein meditatives Refugium im Zentrum Heidelbergs: Frau sagt: „Wir brauchen eine DSL-Flatrate“, ich sage: „Nein, kommt gar nicht in Frage“ und eine Woche später hatten wir die schnellste überhaupt vorstellbare Datenautobahn in unser trautes Heim verlegt, die Heidelberg je gesehen hat. Zumindest sagte dies der ausgesprochen freundliche Herr der Telekommunikationsfirma. Der Krieg gegen die Technik wuchs sich nun zu einem Grabenkampf aus: GMX will mir etwas über ein erfüllte Sexualleben erzählen, MSN weiß Neues über Moslems und wenn man die beiden Klippen umschifft hatte, landete man meist im StudiVZ, aus dem man bekanntlichermaßen unter zwei Stunden nicht herauskommt.
Mit zunehmender Gehirnerweichung reifte in mir der Entschluss, dem gefräßigen Monstrum für ein paar Tage zu entfliehen, dahin, wo Fuchs und Hase sich noch gute Nacht sagen, und zwar nicht per E-Mail, kurz: in mein Elternhaus nach Ladenburg.
Gänzlich unelektronisch empfangen durch ein Alphornbläserquartett auf der Neckarwiese, umhüllte mich die vollkommene Absenz jeglicher Technik wie ein lange nicht mehr getragenes Kleidungsstück (der letzte Teil des Satzes ist mit freundlicher Genehmigung einem Ariel-Werbespot entnommen). Gelblich-Freundlich strahlte mich der 286er meines Vaters an und schien zu brummen: lass Du mich in Ruhe, dann lass ich dich in Ruhe. Vor dem Telefonieren musste man jeweils aus einer endlosen Liste die passende Vorvorwahl aussuchen, und das abendliche Unterhaltungsprogramm beschränkte sich auf die Öffentlich-Rechtlichen, sowie Arte. Oder Hesse. Hier war ich Mensch, hier durfte ich sein!
Es dauerte genau drei Tage, bis die Entzugserscheinungen einsetzten.



