Uncool ist das neue cool

Liebes Tagebuch!

Neulich war ich auf einer Party mit A. Mein Freund A. sah so makellos robbie-williamsesk aus wie immer, aber der hat ja auch jeden Tag zwei mal Zeit zum Duschen. Zwar arbeitet er Vollzeit und ich gar nicht, aber überflüssige Zeit habe ich trotzdem keine. Naja, wem erzähle ich das.

Ich sah auch aus wie immer, bloß schlimmer. Zumindest kam mir das so vor, als wir die  "68er Party" betraten, die in Wirklichkeit ein Juristentanztee und Schneckenevent ersten Ranges war. Bevor mir das Sakrileg eines unförmigen Theologenpullis und Turnschuhen, wie ich sie trug, voll bewusst wurde, hatte A. mir bereits die ersten Jägermeister, bzw. Jägis, untergejubelt. Dass ich eine Skimütze trug entging mir an diesem Abend völlig. Dass ich angestarrt wurde, weniger. Nun, liebes Tagebuch, ich hatte die Jungs ja auch provoziert. Bei der Bundeswehr kann ja auch nicht jeder tragen was er will! Hör mal!! Ja ich weiß, liebes Tagebuch. Auf jeden Fall merkte ich, als ich es nach einigen Biers wieder wagte, den versammelten BWLern ins Gesicht zu sehen, dass die Mädels mich eher interessiert als provozierend musterten. Ein wenig wie man ein plüschiges kleines Tier ansieht, aber eines das den Assi-Charme von Brad Pitt in seinen haarigeren Zeiten hat.

Was soll ich Dir sagen, liebes Tagebuch?  Meine Spezies wurde zu fortschreitender Stunde ausgiebig erforscht, an Einer bin ich dann auch mehr als nur verbal hängen geblieben. Aber das bleibt unter uns, gell? Ich versuchte den ganzen Abend herauszufinden, ob sie ein irgendwie mangelhaftes Exemplar der klassischen BWL-Jura-Linie sei (die ja im allgemeinen als makellos gilt), fand aber keinerlei Makel, außer dass sie sich für MICH, einen Geisteswissenschaftler so brennend interessierte. Und das nachdem ich in versammelter Runde meinen Kontostand zum besten gegeben hatte!A., der inzwischen aussah wie Robbie Williams VOR der Entziehungskur, aber mit Charme, stand in seinem Boss-Mantel daneben. Ganz offensichtlich dachte er darüber nach, dass er seine asoziale Skimütze doch hätte anziehen sollen.

Ich dachte wenig, aber schließlich dann doch dies: ist uncool das neue cool? Stehen wir alle so unter dem Verdikt der Non-Konformität, dass wir in unserer krampfhaften Versuchen "to make a difference" wieder zur Herde geworden sind? Und, was sollte ich eigentlich das nächste Mal anziehen, damit ich lässig rüberkommen würde?Ich ging dann doch recht früh, den Satz Woody Allens in einer dumpf-trunkenen Endlosschleife in meinem Kopf: "Ich würde nie einem Club beitreten, der mich als Mitglied nehmen würde".

Jochen Weiland

Jürgen Wiegand | Dienstag, 06. Februar 2007 10:14 | 1 Kommentar »

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Kommentare

1 Antwort zu “Stilfragen”

  1. Bernd schrieb am Mittwoch, dem 7. Februar 2007 um 12:06

    Schöner Einstieg, Herr Weiland. Und herzlich willkommen..

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