Magst Du Jazz?
Lieber Jack Kerouac,
ich glaube ich weiß jetzt was Du gemeint hast, als du´68 mit einer Weinflasche in der Hand auf einer Ginsberg-Lesung herumgesprungen bist und "Go,go,go" geschrien hast, obwohl gar keine Musik lief. Und Ginsberg nicht einmal ein richtiges Gedicht gelesen, sondern im Grund auch nur rumgeschrien hat. Und warum Du dann darüber Bücher geschrieben hast, in denen alle die ganze Zeit rumschreien, außer Dir, und manchmal auch Du.
Neulich war ich im Auftrag des Herrn unterwegs, genauer des Herrn Chefredakteur. Man spielte Jazz im Heidelberger Jazzhaus vor Stammpublikum und natürlich mir. Es war nett, bloß immer dieses musikalische Chaos! Wie soll man da einen vernünftigen analytischen Satz schreiben? Immer wenn ich "Synkope, modern" nachschlagen wollte, trat mir die fanatisierte 60-jährige hinter mir ekstatisch in den Rücken. Als ich gerade in der allgemeinen Unordnung nach meinem heruntergefallenen Kuli suchte, setzte mit einem ernüchternden Hall Ruhe ein. Jazzlegende Allen Blairman blickte mich ernst über seine Drums hinweg an und sagte mit väterlicher Stimme: "Keep it cool, brother".
Es änderte nichts, dass Blairman eigentlich mit seinem Frontmann gesprochen hatte. Ich blickte mich zum ersten Mal an diesem Abend um und sah in das freundlich auffordernde Gesicht meiner vormaligen Peinigerin. Dann kam Coltrane, und mit ihm kehrte das Chaos zurück. Hätte ich nach diesem Zeitpunkt noch nachgedacht, wäre wohl folgendes zu Tage gekommen: Jazz ist keine Mathematik, sondern das Ausspielen des unfassbar Lebendigen in der Improvisation gegen die Rationalität. Daraus folgt, dass das individuell Lebendige entweder relativ ist, oder gerade und nur in ihm so etwas wie Wahrheit liegt. Daraus folgt, dass ich um 2. zu beurteilen, mich ganz in dieses Lebendige hineinbegeben muss, sonst beurteile ich es ja wieder nach den Regeln der Logik/Mathematik (siehe 1.).
Da Blairman zu diesem Zeitpunkt allerdings schon ekstatisch die Parole "Jazz is religion" ausgegeben hatte, sprang ich gleich zu Punkt 3. Ob ich eine Wahrheit gefunden habe, weiss ich nicht. Ich habe allerdings etwas verloren: mein Jazzlexikon und ein bisschen Rationalität. Dafür habe ich mir jetzt "On the Road" gekauft.
Jochen Weiland



