Unzeitgemäße Betrachtungen

Für Mannheimer kann die Bahnfahrt nach Heidelberg deprimierend sein. „Willkommen in Heidelberg, der schönsten Stadt Deutschlands“ verkündet ein gut gelaunter (ja, das gibt es!!!) Zugführer bei der Einfahrt in die zumindest teuerste Stadt Deutschlands. In diesem Moment reißt der wolkenverhangene Himmel auf und die Sonne erweist Schloss, Heiliggeistkirche und auch allen sonstigen Sehenswürdigkeiten ihre Reverenz. Dass Goethe und Novalis nicht diskutierend am Bahnsteig stehen erscheint einem fast verwunderlich, aber irgendein schöner Mensch steht in Heidelberg immer am Bahnsteig und wartet auf einen, oder sieht zumindest so aus.

Nach einigen Jahren als Heidelbergianer (nicht Heidelberger, das sind die, die nur dort wohnen) ist man entweder selbst Romantiker oder abgrundtiefer Zyniker. Die geballte Schönheit, die Tag für Tag auf einen einprasselt, hat mit der Zeit denselben Effekt wie ein böser Clown, der einem beständig mit einem rosa Plüschhammer leicht aber bestimmt auf den Hinterkopf schlägt. Anfangs kitzelt es noch, dann nervt es; irgendwann tut es einfach nur noch weh.

Die Plüschhammermethode hat aber auch ernstzunehmende Auswirkungen auf die Psyche des zartbesaiteten Heidelbergianers. Die Inkubationsphase der Paranoia Heidelbergensis beträgt etwa drei Studienjahre, in denen Selbst- und Fremdwahrnehmung nur leicht auseinandertreten, etwa in der Frage „Wie kann ich mich in dieser geschichtsträchtigen Stadt nur so heillos betrinken/mein Studium schleifen lassen/Goethe und Novalis scheiße finden?“.

Irgendwann betrinkt man sich nicht mehr, ist an Wissenschaft interessiert und auf der Suche nach dem absoluten Geist und die zweite Phase tritt in Kraft: Wenn die Romantiker recht haben und alles entwickelt sich weiter, warum sieht es hier dann immer noch so aus wie vor 200 Jahren? Wenn man sich dann dabei ertappt im Hotel Ritter nachzuschauen, ob hinter der Fassade eigentlich ein hochmodernes Labor der Russen/CIA/Illuminati steckt, oder das Schloss in Wirklichkeit aus Pappe ist, dann ist man reif für die letzte Phase der Paranoia Heidelbergensis: den Zynismus.  

Therapieversuch in Mannheim, Heidelbergs böser Schwester. Das ist doch noch Leben! Mit der erfrischenden Ehrlichkeit Joy Flemings haut einen die lebendige Quadratestadt um. Leider in jeder Hinsicht: Als man gerade die freundliche Begrüßung eines pubertierenden ausländischen Mitbürgers grammatikalisch richtig stellen will („Es heißt nicht `Ich mach dich Kickbox korrekt, bitch!`, sondern…“) entschließt sich dieser der Deutschstunde für heute ein gewaltsames Ende zu setzen. Während man noch überlegt, ob man die sechs Studienjahre nicht doch in Karate hätte investieren sollen, reift eine Erkenntnis: Zwar habe ich mein Herz nicht in Heidelberg verloren, aber in Mannheim auf der Straße will ich es nicht verlieren. Jochen Weiland

Jürgen Wiegand | Montag, 12. Februar 2007 15:17 | Keine Kommentare »

Kommentieren

Meine Informationen merken

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


Kann ich nicht lesen, neues Bild bitte.


Kommentare

Noch keine Kommentare zu diesem Artikel

Newsletter

Newsletter Abo
Welde_zeigt

Die meistgeklickten Podcasts:

1. Hakims Imbiss
2. ACTA Demo
3. Restauranttester Rach

Promotion

Wellnessurlaub im 4+ Sterne Wellnesshotel an der Mosel