I survived Büchereiflohmarkt 2007!

Lesen oder Leben

Als eine der großen Errungenschaften meines jungen Lebens hatte ich die kürzlich erworbene Eigenschaft angesehen, nach Bücherflohmärkten keine Todeslisten mehr für lesende Mitmenschen aufzustellen. Die fielen, je nach Laune, mehr oder weniger extensiv aus: Da gab es den als Rentner getarnten Hardcoreschnäppchenjäger, der sich schneller auf die Schopenhauer-Gesamtausgabe stürzte, als ich ihm den Gehstock wegtreten konnte. Fanatisierte Hausfrauen, die ihre Bälger zur Beutesicherung mitbrachten, Studenten, die sich wochenlang nur von Eiern und Soja ernähren, um für den Tag Null die nötige Durchsetzungskraft aufzubringen, und, natürlich Antiquare, die schlimmsten von allen. Ich hatte bereits den Einsatz von getarnten Elektroschockern kontempliert, nachdem ich an tantrischer Meditation gescheitert war (tatsächlich waren meine Aggressionen wochenlang wie weggeblasen – vor allem allerdings, weil ich mich in der Zeit für die 15. Wiedergeburt des Dalai Lama hielt und damit beschäftigt war, lange Briefe an die chinesische Regierung zu schreiben. In einer Phantasiesprache).

Die Wende kam dann irgendwann Anfang diesen Jahres und fiel nicht ganz zufällig mit dem Eintritt ins Arbeitsleben zusammen. Nachdem ich mit meinem Antrag auf Frührente an der renitenten Dame vom Arbeitsamt gescheitert war (Briefe in einer Phantasiesprache an Diktatoren zu schreiben fiel nicht unter ehrenamtliches Engagement), beschloss ich vernünftig zu werden. D.h. gesund zu essen, mein Brot mit harter Arbeit zu verdienen, Sport zu treiben und zu akzeptieren, dass mir täglich vermutlich tausende von Schopenhauer-Gesamtausgaben für unter fünf Euro durch die Lappen gingen. Ich fing sogar wieder an, den rattengesichtigen Antiquar zu grüßen, der vermutlich nie eines der Bücher gelesen hatte, deren von ihm verschuldetes Fehlen in meinem Regal mir zahlreiche schlaflose Nächte bereitet hatten. Ich war ein glücklicher Mensch.  

Bis letzten Samstag. Es war Flohmarkt in der Heidelberger Stadtbücherei und meine Laune sank nicht einmal, als mir die militante Pazifistin Dale Carnegies ‚Wie man Freunde gewinnt’ mit einem gezischten „Das haben Sie doch von meinem Stapel, Sie Egoist“, aus den Händen riss. Auch die Blutgrätsche der bebrillten Nachwuchsjournalistin vor dem ‚Medien’-Karton sah ich mit verwundertem Amüsement, vor allem da mein darauf folgender Sturz mir Black Sabbath’s ‚ Master of Reality’ bescherte, das ein schnäppchengeiler Heavy Metal-Fan unter dem Tisch versteckt hatte. Den Opa, der die Schuhe ausgezogen hatte um Konkurrenten von den Bildbänden fernzuhalten, empfand ich eher als drollig, denn als echte Bedrohung. Nein, so richtig durchgebrannt sind mir die Sicherungen eigentlich erst, als der schwarzgekleidete Student auftauchte, der mich so frappierend an jemanden erinnerte. Nachdem er zielstrebig auf die Philosophieabteilung zugesteuert war um dort kurzerhand unbesehen den ganzen Karton aus dem Raum zu schleifen, war mir auch klar, wem er ähnlich war: mir selbst.  

Den Rest des Samstags verbrachte ich mit Selbstmordgedanken, sowie damit, die Wahrscheinlichkeit auszurechnen, mit der sich eine Schopenhauer-Gesamtausgabe in dem Karton befand.   
Am Sonntag beschloss ich mit dem Lesen aufzuhören.

Jürgen Wiegand | Montag, 10. Dezember 2007 08:08 | 1 Kommentar »

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Kommentare

1 Antwort zu “Lesen oder Leben”

  1. Chris schrieb am Montag, dem 10. Dezember 2007 um 18:30

    "thank you! it was cold down there on the floor"

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