Warum wir die 80er brauchen.

Wer hätte das gedacht: die 80er sind immer noch da. Überall im Delta Bad Taste-Partys und 80er-Feten. Sogar Heidelberger Supermärkte, stilistisch sonst nicht unbedingt Avantgarde, setzen auf die konsumfördernde Wirkung grauenhafter Synthie-Songs. Die 60er waren ja nie wirklich weg, die 70er sind die verlängerten 60er und in den 90ern war man entweder Raver oder Heavy Metal-Fan.

 

In jedem Fall verbrachte man die meiste Zeit in sogenannten Clubs (Raver) oder seine Zeit damit, selbige lautstark zu boykottieren (Metaller). Die paar scheinbar Vernünftigen waren entweder komplett indiskutabel oder hörten selbst heimlich Metal/Techno, mussten aber noch die Sesamstraße-T-Shirts ihrer großen Brüder auftragen.

 

Die Rauschmittel der Wahl waren meist legal (Metaller). Oder ihre Konsumenten sahen beim Konsumieren wenigstens gut aus (Raver). Aber von den 80ern wissen wir: entweder geistige Rente mit 30 oder Christiane F.

Flokatieske Schulterpolsterpullis mit apokalyptischen Farbkombis waren in beiden Fällen unumgänglich. Über die Kombination selbiger mit Schrankwänden „Eiche massiv“ oder dem Boden vor dem Heidelberger Hauptbahnhof gar nicht erst zu reden.

 

Jenseits des Odenwaldes verfuhr man in den 90ern mit den 80ern wie 1950 mit dem Dritten Reich: Worüber man nicht redet, das gab’s auch nicht. Der unausgesprochene Bund der Verschworenen hielt sich durch die Verfehlungen ihrer einzelnen Mitglieder am Leben. Bis die Mannheimer Suite den Bann brach: nicht nur wagte sie es, wie viele andere, 80er-Mucke zu spielen, bei der man sich ertappte mit dem verstohlenen Grinsen eines Ex-Stasi-Kaders auf einer Rosa-Luxemburg-Gedenkfeier abzuspacken. Die nannten das Ganze auch noch "Bad Taste Party".

 

Bad Taste = good Taste? Nein, ich glaube den Deltabewohnern ist es einfach langweilig geworden. Hübsche Menschen und Dinge gibt es irgendwie so viele, und wenn schon nicht auf den Mannheimer Planken, dann zumindest auf MTV. Das ist wie auf Omas Geburtstag: Wenn man sich zuviel vom Frankfurter Kranz reingestopft hat, muss man erst kotzen und bekommt dann Bock auf saure Gurken. Die 80er sind, um mal zu einer Definition zu finden, die sauren Gurken des neuen Milleniums.

 

Das neue Millenium allerdings ist natürlich nicht Frankfurter Kranz. Das waren die 50er. Jetzt ist Yoga, also ungefähr das, was man im Alnatura bekommt. Davon wird man furchtbar ausgeglichen, zufrieden und geht seinen Mitmenschen nach einer Weile unglaublich auf den Sack. Deswegen: 80er in kleinen Dosen, und Du erkennst, dass Dein Leben eigentlich ganz okay ist. Auch ohne Erleuchtung.

 

 

Jochen Weiland

 

 

 

 

Jürgen Wiegand | Mittwoch, 25. April 2007 09:41 | Keine Kommentare »

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