Biotop Neckarwiese

Die Neckarwiese. Unendliche Weiten. Der Punkt Null der Besiedlung dieses einzigartigen Biotops gegenüber der Heidelberger Psychiatrie liegt in der Tiefe prähistorischer Zeiten. Zu vermuten steht jedoch: Als der erste Steinzeitmensch seinen Grill dort aufgebaut hatte, dauerte es nicht lange, bis die ersten Schnorrer daneben standen.

 

Die Griller und die Schnorrer blieben nicht lange allein. Die Schnorrer hatten nämlich die Angewohnheit nach getaner Arbeit mit primitivstem Werkzeug zu musizieren und zu jonglieren. Das hatte, grob gesehen, Folgen. Es rief die Polizei auf den Plan. Dadurch wurde das Ganze zu einem Event; vermutlich dem ersten seiner Art. Events hatten es schon damals an sich, eine bestimmte Art von Leuten anzuziehen: Partypeople. Die wiederum schnorrten bei den Grillern, sahen den Jongleuren zu und machten das, zu was die Natur sie bestimmt hatte: Party. Schon in der Steinzeit galt: Wo eine Party ist, kann man sehen und gesehen werden. Also kamen die Nudisten. Die schnorrten bei den Grillern, sahen den Jongleuren zu, wurden von den Partypeople beobachtet und zogen sich aus. Als dies dann die Spanner anzog, wurde es der Polizei zu bunt. Außerdem stand die Klassik vor der Tür und ein Klavier bekommt man bekanntlich nicht auf die Neckarwiese.

 

Die Klassik samt Romantik hatte man nach einigen Jahren ohne kurze Hosen, aber dafür mit den alten Griechen hinter sich gebracht und die ersten Griller siedelten sich wieder auf der Neckarwiese an. Es kam wie es kommen musste, bloß dass ein neuer Typus auftauchte. Er würde sich selbst als stillen Beobachter bezeichnen. Wir wollen ihn hier den Kulturspanner nennen. Hinter der obligatorischen Sonnenbrille und einer Maske der Unbeteiligtheit verbarg sich ein ausgesprochen erregter Geist. Weder schnorrte er bei den Grillern, noch fand er wirkliches Gefallen an den Jongleuren. Zu den Partypeople fühlte er sich weder hingezogen noch abgestoßen, und die Nackten fand er, im Gegensatz zu den Spannern, lediglich „interessant“.

 

Nur wenn er einen der inzwischen inkognito auftretenden Spannern entlarvte, überfiel ihn ein Gefühl einer unausgesprochenen Verwandtschaft, und, kurz darauf, Beschämung. In diesen Momenten wurde ihm klar, dass ihn nicht das Fleisch, sondern die Griller, nicht die Kunst, sondern die Freaks, nicht die Musik, sondern die Ausgeflippten und nicht die Erotik, sondern die Tatsache eines Halbnackten in der Öffentlichkeit interessierte. Und das unterschied ihn letztlich von den Spannern: Seine Erregung war kalt.

 

Inzwischen, wir schreiben das (Früh-)Jahr 2007, wird von einer neuen Art berichtet: dem Metaspanner. Man sagt, er beobachte Kulturspanner…

 

 

Jochen Weiland

 

 

Jürgen Wiegand | Sonntag, 08. April 2007 13:37 | Keine Kommentare »

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